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Wienfluss Erinnerungen

Seit einigen Tagen wühle ich mich durch einen Berg alter digitaler Fotografien. Fotografien eines Ortes der seit meiner Kindheit mit mir verbunden ist, da ich dort die meisten Sommer meiner Kindheit verbracht hatte. Gemeint ist hier der Wienfluss oder wie der Fluss auch bei den Wienern auch genannt wird die „Wien“.

Dieser Fluss durchfliesst auf der knappen Hälfte seiner insgesamt 34km langen Strecke ungefähr zu Hälfte das Wiener Stadtgebiet. Die Stadt erreicht der Fluss im Westen, im Bezirk Penzing. Nach einer in Stein und Beton eingefassten Fliessstrecke erreicht die Wien dann ihr Mündungsgebiet, unweit der Wiener Urania und mündet dort in den Wiener Donaukanal.

Mitte der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war ich in den warmen Monaten und natürlich in den Sommerferien meistens am Wienfluss. Zwischen Hütteldorf und Auhof lag der Abenteuerspielplatz meiner Kindheit. Zuerst mit den öffentlichen Verkehrsmittel, wie der alten Stadtbahn und später der U-Bahnlinie U4 sowie mit dem Fahrrad war diese für mich damals abenteuerlichste Ecke von Wien immer bestens erreichbar. Mit Stadtbahn/U-Bahn war es eine Fahrt von knapp 15min um aus der Stadt und zu neuen Abenteuern in die vermeintliche Wildnis zwischen Westausfahrt und Streckenführung der ÖBB in Richtung Westen zu kommen.

Dieses Eck von Wien reichte um mich und andere Kinder dort über Jahre in den Sommermonaten zu beschäftigen. In den Hochwasser-Rückhaltebecken, die Ende des 19.Jahrhunderts errichtet worden waren entfaltete sich für uns ein wilder Dschungel direkt neben der Westausfahrt, die schlussendlich in die Autobahn A1 mündete. Diese Flussverbauungen waren damals knapp 100 Jahre alt und boten für uns Kinder den idealen Abenteuerspielplatz und obwohl der Fluss selbst in einem steinernen Bett floss war es für mich der schönste Ort in Wien.

Doch meine Kindheit war nicht unbedingt von Stabilität gekennzeichnet, zahlreiche Umzüge machten vieles schwerer und mit der Zeit entfernten sich meine Wohnorte in Wien immer mehr von der Abenteuergegend meiner Kindheit. Irgendwann war der Wienfluss dann auch am anderen Ende der Stadt für mich und andere Dinge, die Jugendliche beschäftigen traten eher in den Vordergrund. Doch der Wienfluss lies irgendwie nicht los. Während der ersten Jahre im Berufsleben trafen sich einige von uns im Sommer hin und wieder zum „wilden“ Grillen in einem der Retensionbecken des Wienflusses. Wir grillten sozusagen neben der Autobahn, doch das hat uns damals nicht gestört.

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Einige Jahre lang war dann mein Interesse am Wienfluss nicht sehr groß. Erst mit meinem beginnenden Interesse an der Fotografie Ende der 1990 Jahre rückte das Gebiet meiner Kindheit wieder etwas in meinen Fokus. Der damals beginnende Umbau meiner früheren Abenteuerlandschaft aus Hochwasserschutzgründen der Stadt Wien weckte mein Interesse an dieser Stein/Beton-Landschaft wieder. Nachdem ich dann einige Jahre danach noch auf den Hund kam, wurde der Wienfluss zwischen Hütteldorf und Auhof für mich wieder präsenter und wichtiger. Damals war schon meistens die Kamera immer mit dabei. Nach einem Umzug in den Westen von Wien war ich dann einige Jahre lang sehr viel mit der Kamera im Gebiet meiner kindlichen Spielwiese unterwegs. Diese Spielwiese hatte sich seit dem Umbau 1999 und der anhaltenden Renaturierung durch die Stadt Wien mittlerweile sehr stark verändert und sich bis heute in eine vollkommen andere Landschaft als die in meiner Kindheit/Jugend entwickelt.

Die Natur kam zurück und aus der ehemals in Stein und Beton eingefassten Wien wurde ein interessantes Stück Natur aus zweiter Hand. Biber und Eisvogel waren nun auch hier anzutreffen. Tiere, die ich während meiner Kindheit nie beim herumstreunen am Wienfluss oder in den Retensionsbecken gesehen hatte. Das Highlight meiner Kindheit waren immer die Forellen die wir in der Wien mit blossen Händen gefangen hatten. Forellen, die wie man uns damals erzählte durch übergehende Teiche im Westen von Wien in den Fluss gekommen waren. Hin und wieder fingen wir auch Flusskrebse, die wir dann bestaunten und wieder in denn Fluss zurück gaben. Neben Forellen und Flusskrebsen begeisterten uns auf die zahlreichen Schlangen wie zB. die Ringelnattern. Es war etwas besonderes Ringelnattern zu beobachten und für viele von uns eine richtige Mutprobe, mal eines dieser Tiere einzufangen.

Viele Wiener die zwischen Hütteldorf und Auhof wohnten nutzten die Wien und Ihr steinernes Bett in Ihrer Freizeit auch zur Erholung. Man lag in der Sonne, grillte, spielte Fussball und man badete und erfrischte sich im Wasser der Wien. Für viele sind diese Freizeitaktivitäten am Wienfluss, so wie es damals dort ausgesehen hatte, unvorstellbar. Heute sieht man gerade noch jemanden, der seine Füsse zur warmen Jahreszeit in der Wien kühlt. Für viele Eltern ist es wahrscheinlich kaum vorstellbar, dass Ihre Kinder in der Wien plantschen würden, ja sogar wie ich Ihre ersten Schwimmversuche an tieferen Stellen zu unternehmen.

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Ab 2003 betrachtete ich mich selbst als Naturfotograf und die Natur(Fotografie) in der Stadt nahm einen Großteil meiner freien Zeit in Anspruch. Klarerweise suchte ich auch in anderen Teilen Wiens nach Natur. Doch es zog mich immer wieder zurück an den Fluss meiner Kindheit, an die Wien. Neben der Natur aus zweiter Hand begann mich nach und nach aber auch die steinerne Seite des Wienfluss zu interessieren. Neben der Natur fanden sich für mich auch immer mehr und mehr Motive, die die nun bereits über hundert Jahre alte Wienflussverbauung zeigten.

Heute beim betrachten des ersten Bilderberges aus den Jahren 2010-2013 wird mir eigentlich wieder sehr bewusst, wie sehr sich diese Landschaft seit 1999 für mich verändert hatte. Die Spielwiese aus meiner Kindheit hatte nun einen ganz anderen Charakter. Bei jungen Menschen, die dort heute hinkommen entsteht sicherlich der Eindruck, es hat dort immer schon so ausgesehen wie jetzt. Doch zwischen Auhof und Hütteldorf hat die Natur die ehemalige Stein und Betonwüste mit menschlicher Hilfe fast verschwinden lassen und obwohl es Natur aus zweiter Hand ist, hat es sich zu einem kleinen Naturparadies im Westen von Wien entwickelt.

Nicht nur die Landschaft hat sich dort sehr verändert. Auch der Zugang für die Menschen ist ein anderer geworden. Selbstverständlich war der Zutritt in meiner Kindheit und später auch in vielen Bereichen des Wienfluss eigentlich schon nicht erlaubt und von der Stadt aus verboten. Doch erstens kümmerte es nicht wirklich jemanden und wir Kinder/Jugendliche haben uns schon gar keine Gedanken darüber gemacht. Heute ist das alles anders.

Der Wienfluss ist zwar in einem bestimmten Abschnitt ganzjährig für die Wiener benutzbar, doch gibt es mittlerweile ich glaube seit 2010 auch saisonale Öffnungszeiten. Unterschätzen darf man den Wienfluss nicht, auch wenn er die meiste Zeit des Jahres wie ein breiteres Rinnsal aussieht, so kann er bei starken Regenfällen im Westen von Wien zu einem reissenden und gefährlichen Gewässer mit enormer Fliessgeschwindigkeit werden. Neu für mich war damals auch dass nun Mitarbeiter* der MA45 (Magistrat Wiener Gewässer) nun auch dort unterwegs sind und die Weg und Zugänge kontrollieren. Die meisten Bereiche, die man vor 2010 noch , wenn auch illegal, betreten konnte sind heutemit einer Videoüberwachung der MA45 versehen.

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Verdenken kann ich der Stadt Wien das aber irgendwie auch nicht. Die Selbstverantwortlichkeit der Bevölkerung ist ja so gut wie nicht vorhanden. Sollte jemanden zu den Schliesszeiten dort etwas passieren oder gar jemand vom Hochwasser erfasst werden, dann würde die Schuld daran sicherlich bei der Stadt gesucht werden und nicht bei sich selbst. Für viele ist es wahrscheinlich besser, sich an diese teilweise durchaus sinnvollen Einschränkungen zu halten und sei es nur um der eigenen Dummheit zu vorzubeugen. Ganz ehrlich, ich bin mir auch bei vielen heutigen Kindern und Jugendlichen nicht mehr sicher, ob die all die Dinge, die wir damals dort unternommen hatten heute unbeschadet überstehen würden.

Rückblickend muss ich sagen, natürlich ist es aus sentimentalen Gründen schade dass ich am Wienfluss nicht mehr die Landschaft meiner Kindheit vorfinde. Die Landschaft, die aber in den letzten zwanzig Jahren dort entstanden ist hat auch ihre Reize und hätte mich als Kind wahrscheinlich auch zu vielen Abenteuern angespornt.

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Einige der Fotografien, die ich im Print Archiv „Wienfluss Erinnerungen“ zeigen werde habe ich zwar für mich nach 2020 geholt (Quadrat, Schwarzweiss), vielen Fotografien wird man aber dennoch mein altes fotografisches Auge ansehen. Doch bei einigen Arbeiten sieht man auch schon Hinweise darauf, wie ich das eine oder andere heute fotografieren würde. Bei vielen meiner damaligen Arbeiten geht es nicht sosehr wie heute um Form und Ästhetik, vieles davon hatte, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, eher dokumentarischen Charakter.

Der Wienfluss ist somit für mich wieder in meinen fotografischen Fokus gerückt und ehrlich gesagt freue ich mich schon wieder darauf, mal dort mit der Kamera wieder unterwegs zu sein.

UPDATE: Diese Prints werden in einer Special Hahnemühle Bamboo 265g ohne Inkjet-Beschichtung angeboten. Das ermöglicht mir, den "Erinnerungscharakter", die diese Bilder bei mir erzeugen am Papier umzusetzen.

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Euer Herbert

Texthinweis: Dieser und andere Texte stellen meine ganz persönlichen Meinungen und Erfahrungen dar und werden von mir immer absolut subjektiv wiedergegeben. Klar dabei ist, dass weder ich, noch irgendjemand anderer einen Anspruch auf die ultimative Wahrheit hat. Mit Teilnehmer/Fotografen* sind hier weibliche als auch männliche TeilnehmerInnen u. FotografInnen angesprochen. Gleichberechtigung hat nichts mit dem "gendern" von Texten zu tun.

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