Die Normalbrennweite ...

Irgendwann im Laufe eines Fotografenlebens wird man mit dem Begriff der Normalbrennweite konfrontiert.
Was ist die Normalbrennweite?

Nun laut Lehrbuch ist es die Brennweite die von den Maßen her der Diagonalen des Aufnahmemediums - heute dem Sensor - entspricht. Also entspricht die Normalbrennweite der Diagonalen des verwendeten Sensors. Beim guten alten Kleinbild-Film mit den Abmessungen von 36mm x 24mm hat sich eine Diagonale von ca. 43,3mm ergeben und die Brennweite die sich als Normalbrennweite eingebürgert hat sind die guten alten 50mm Objektive.


Theseus-Tempel im Wiener Burggarten - 50mm FX-Format - Farbaufnahme - Umwandlung in Schwarz-Weiss © Herbert Koeppel
Theseus-Tempel im Wiener Burggarten - 50mm FX-Format - Farbaufnahme - Umwandlung in Schwarz-Weiss
© Herbert Koeppel

Lange bevor im Zeitalter der digitalen Fotografie die sogenannten Zoom-Kit-Objektive einzugehalten haben, wurden Kameras sehr oft in Kombination mit einem 50mm (bei Kleinbild) verkauft. Doch die Zeiten mit diesen Optiken als Einstieg sind spätestens seit einigen Jahren vorbei!

Doch warum ist eine Optik die der Normalbrennweite entspricht eigentlich so interessant? Liegen die Vorteile eines Zoom-Objektivs nicht auf der Hand - hat man doch praktisch mehrere Brennweiten mit einer Optik abgedeckt und erspart man sich beim Fotografieren dadurch nicht unnötige Lauferei?

Oft kommt es heute vor, dass die einfach konstruierten Kit-Objektive die man zu den heutigen Pixel-Monstern dazu bekommt sowohl mechanisch als auch optisch nicht unbedingt die beste Wahl sind und dem dem verwendeten Sensor in den seltensten Fälle auch nur annähernd gerecht werden. Normalobjektive - richtige Normalobjektive - findet man nur als sogenannte Festbrennweiten und mit hoher Lichtstärke. Die hohe Lichtstärke setzt daher prinzipiell schon eine bessere Konstruktion und Qualität der Optik voraus. Verwendet man also die Normalbrennweite in Form einer Festbrennweite gegenüber der entsprechenden Zoom-Einstellung eines Kit-Objektivs so ist man qualitativ schon in einer anderen Richtung unterwegs und durch die hohe Anfangslichtstärke ergeben sich auch wesentlich bessere gestalterische Möglichkeiten gegenüber einem lichtschwachen Zoom-Objektiv.

Dann ist es noch so, dass bei der Verwendung von Zoom-Objektiven man regelrecht faul werden kann - faul im Bezug auf die bewusste Gestaltung. Bei der Verwendung einer Festbrennweite ist man jedoch gezwungen, sich mit den gestalterischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

Eine Zoom-Optik besticht halt durch Flexibilität - man kann mit einer Optik einen großen Bereich abdecken. Die Festbrennweite ist meistens von wesentlich besserer Qualität und führt dazu, dass man sich wesentlich mehr mit dem Motiv auseinander setzen muss - die zwangsläufige Bewegung die man dabei macht, bringt einem auch dazu sich mehr mit Bildkomposition zu beschäftigen. Durch die Verwendung eines Normalobjektivs hat man einfach eine bessere Möglichkeit die Grundlagen der Bildgestaltung zu verinnerlichen.


Theseus-Tempel im Wiener Burggarten - 50mm FX-Format - Farbaufnahme - leichter Beschnitt - Umwandlung in Schwarz-Weiss © Herbert Koeppel
Theseus-Tempel im Wiener Burggarten - 50mm FX-Format - Farbaufnahme - leichter Beschnitt -
Umwandlung in Schwarz-Weiss
© Herbert Koeppel


Nicht das man jetzt kein Zoom-Objektiv mehr brauchen würde oder könnte, nein es ist nur so das der fotografische Lernerfolg mit einer lichtstarken Normalbrennweite wesentlich höher ist als eben mit einem Zoom-Kit Objektiv.


Doch warum gerade das Normalobjektiv (Standardobjektiv)?
In erster Linie geht es dabei um den verwendeten Bildwinkel - egal auf welchem Aufnahmeformat - die Normalbrennweite entspricht dabei in etwas unserer Sehgewohnheit. Schon ein leichtes Weitwinkel betont den Vordergrund wesentlich mehr und ein leichtes Tele rückt die Dinge schon etwas mehr zusammen.

Durch die Verbreitung der beiden derzeit am häufigsten Sensor-Format dem Vollformat (KB-Digital) und dem APS-C Format ergibt sich manchmal etwas Verwirrung im Bezug auf das Normalobjektiv und oft wird es vom Fotohandel auch schlicht und einfach "falsch" verkauft. Denn wenn sich jemand mit einer digitalen Kamera deren Sensor dem APS-Format (Canon, Sony, Pentax) oder bei Nikon dem DX Format entspricht eine lichtstarke 50mm Brennweite zulegt - hat er genau genommen durch das kleinere Aufnahmeformat ja nicht mehr den Bildwinkel einer Normalbrennweite zu Verfügung sondern bereits ein leichtes Tele - so ab 75mm.

Verwendet man also eine digitale Vollformat-Kamera (KB-Digital) so ist man mit einer lichtstarken Festbrennweite von 50mm bestens bedient, bei kleineren APS-C/DX-Format muss man sich nach einer Brennweite um die 35mm umsehen. Denn diese Brennweite bzw. deren Bildwinkel entspricht eher dem Bildwinkel einer 50mm Optik an einer digitalen Vollformat-Kamera.

Leider gibt von seitens der Hersteller nur von Nikon eine speziell für das kleinere Format gerechnet Normaloptik - das Nikon AF-S DX 35mm/1.8. Neben diesem Standard-Objektiv gibt es noch von Sigma ein 30mm F1.4 EX DC/HSM das speziell für das kleinere Format gerechtet ist und somit der Normalbrennweite des APS-/DX-Formtes entspricht.

Theseus-Tempel im Wiener Burggarten - 50mm FX-Format - Farbaufnahme - Umwandlung in Schwarz-Weiss © Herbert Koeppel
Theseus-Tempel im Wiener Burggarten - 50mm FX-Format - Farbaufnahme - Umwandlung in Schwarz-Weiss
© Herbert Koeppel

Besitzer einer digitalen Vollformat-Kamera finden im jeweiligen Objektiv-Porfolio des Herstellers meist zwei Varianten des Normalobjektivs ein 50mm/f1.4 und ein etwas lichtschwächeres aber sehr oft deutlich günstigeres 50mm/f1.8.

Hat man also vor seine fotografischen Fähigkeiten durch den Kauf einer Normalbrennweite zu verbessern so sollte man unbedingt das verwendete Sensor-Format beim Kauf in Betracht ziehen. Denn zwischen dem Bildwinkel eines Normalobjektivs und dem Bildwinkel eines 50mm Objektivs das an einer APS-C/DX Kamera verwendet wird ist schon ein ziemlicher Unterschied.


Licht und Schatten vor der Wiener Oper - 50mm FX-Format - Farbaufnahme - Umwandlung in Schwarz-Weiss © Herbert Koeppel<br />
Licht und Schatten vor der Wiener Oper - 50mm FX-Format - Farbaufnahme - Umwandlung in Schwarz-Weiss
© Herbert Koeppel

Mit der Normalbrennweite fotografieren zu gehen ist spannend und eine Herausforderung für die zoom-verwöhnten Fotografen unter uns. Nicht nur, dass man bei der Bildkomposition und Gestaltung mehr als gefordert ist, man hat meist auch eine sehr leichte Ausrüstung mit - eine Kamera und eine Normaloptik fallen bei der Motivsuche in Sachen Gewicht ja überhaupt nicht auf.


Die nächsten TownWalk Unterwegs mit der Normalbrennweite finden an folgenden Terminen statt.

  • Linz - Mi 15.08.2012 18:00 Uhr - 22:00 Uhr - Anmeldeschluss Do 09.08.2012 - mehr Info
  • Salzburg - Do 11.10.2012 16:00 Uhr - 20:00 Uhr - Anmeldeschluss: Fr 05.10.2012 - mehr Info
  • Salzburg - Do 15.10.2012 16:00 Uhr - 20:00 Uhr - Anmeldeschluss: Fr 19.10.2012- mehr Info


Herbert Koeppel, August 2012