Es ist keine Kunst, es ist einfach nur Photographie…


Braucht jedes Bild eine Geschichte?

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Immer wieder stolpere ich, bei unterschiedlichen Gelegenheiten auf den Begriff des „Story-Telling“. Oder auch jemand meint „He, das Bild erzählt eine Geschichte“. Wie ist das eigentlich bei meinen eigenen Arbeiten?

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Aus dem Projekt "Tierschutz Austria" - Bild © Herbert Koeppel

Bei manchen meiner Langzeit-Projekten wie z.B. die Arbeiten über das Wiener Tierschutzhaus, über den Abenteuerplatz meiner Kindheit, den Wienfluss oder der fotografischen Beschäftigung mit der Landung der Alliierten 1944 in der Normandie steckt mit Sicherheit ein Narrativ. Doch all zu viele Gedanken darüber, dass Bilder unbedingt eine Geschichte erzählen müssen, habe ich mir bis dato beim Fotografieren noch nicht gemacht.

Mich interessieren viele Themen, hin und wieder schafft es eine Thematik mich aber doch mehr zu fesseln als andere und diesen Dingen möchte ich dann mit der Kamera nachspüren. Im Falle des Tierschutzhauses war es ein beobachteter Unfall mit einem Tier, der mich dazu gebracht hatte mir das Wiener Tierschutzhaus näher durch die Kamera anzusehen. Im Falle des Wienflusses ist es der Abenteuerplatz meiner Kindheit. Wie war er früher, wie ist er jetzt? Wie sehr hat sich diese Gegend für mich verändert? Ein Thema, dass ohne nähere Erläuterung zu vielen Fotografieren gar nicht funktioniert, denn dazu ist dieses Sache viel zu persönlich. Im Falle der Normandie ist es die Faszination über eine der größten militärischen Operationen die jemals stattgefunden haben. Diese Faszination hat auch den Wunsch geweckt mit der Kamera dort den Dingen nachzuspüren und für mich die Spuren dieses Ereignisses dort zu suchen.

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Aus dem Projekt "Wienfluss Erinnerungen" - Bild © Herbert Koeppel

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Aus dem Projekt "Normandie44" - Bild © Herbert Koeppel

Doch zwangsläufig erzählt nicht immer jedes Bild davon eine Geschichte. Zumindest habe ich bei sehr vielen Fotografien nicht unbedingt eine Geschichte dazu im Kopf, die der Betrachter dann auch erkennen soll.

Viele meiner Bilder entstehen einfach aufgrund einer ästhetischen Wechselwirkung zwischen mir und dem Motiv. Ich denke auch, dass es vielleicht auch ein etwas hochgestochener Wunsch ist, in jedem der eigenen Bilder irgendwo eine Geschichte zu finden oder zu sehen.

Wenn schon eine Geschichte zu erkennen sein soll, dann finde ich es wesentlich spannender wenn diese Geschichten in den Köpfen der Bildbetrachter entstehen. Genauso wie es bei mir beim Fotografieren eine emotionale Wechselwirkung gibt, die mich dazu bringt letztendlich ein Bild aufzunehmen, so wäre es toll wenn es so eine Wechselwirkung auch im Kopf des Bildbetrachters entstehen könnte. Ob dann allerdings eventuell der selbe Gedanke dahinter steckt, das bezweifle ich jetzt mal. Ich würde es sogar auch spannend finden, wenn ein Bildbetrachter etwas völlig anderes in meinem Bild erkennt.

Mit meinen Bilder ist es oft sie wie mit der Musik die ich mag. Eigentlich ist mir ein Musikstück ohne Text wesentlich lieber, als welche mit Text. Klar auch hier gibt es Ausnahmen, aber im großen uns ganzen mag ich Musik ohne Text wesentlich mehr. Der Text wäre hier analog zur Geschichte an einem Bild. Ein Bild ohne einer Geschichte, quasi wie ein instrumentales Stück.

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Eine ästhetische Wechselwirkung - Bild © Herbert Koeppel

Für manche mag es ja wichtig sein, dass Ihr Bilder unbedingt Geschichten erzählen. Viele von diesen Geschichten wirken, so denke ich mir manchmal auch gekünstelt. Aber das muss jeder halten wie er mag. Die meisten meiner Bilder erzählen irgendwie keine Geschichten. Das einzige was aber jedes meiner Bilder erzählt ist, dass zwischen mir und dem Motiv ein Reaktion stattgefunden hat. Vielleicht ist das bereits die Geschichte?

Irgendwie ziehe ich es vor, den Bildbetrachtern eigene Meinungen, Ideen und eventuell Geschichten zu meinen Bildern erfinden zu lassen. Das würde ich spannend finden, auch wenn viele diese Gedanken erst gar nicht erzählen.




3 Beiträge zum Thema "Braucht jedes Bild eine Geschichte?"

Das ist ein spannendes Thema, und die Erläuterungen kann zumindest ich genau so stehen lassen. Vielleicht noch ergänzen möchte ich, dass es häufig so wirkt, dass diese Geschichte erst nach Sichtung der Fotos "hinzugefügt wird". Für mich entsteht dabei oft der Eindruck, dass dies zur Aufwertung dienen mag, ohne die das Foto ggf gar nicht sooo interessant gewesen wäre.

Meine eigene Vorgehesweise ist, weniger in Geschichten, sondern vielmehr in Bildtiteln zu denken. Ich versuche, jedem meiner Fotos vorm Auslösen einen Titel zu geben. Dies beeinflusst mittlerweile stark die Bildgestaltung im Hinblick auf Hauptmotiv, Format, Hinter- & Vordergrundgestaltung. Veröffentliche ich Fotos, veröffentliche ich es immer mit diesen Titeln. Was damit insgesamt passiert, bei mir, bei Dritten, deckt sich in etwa mit der beschriebenen Wechselwirkung, die den Betrachter ergreift. Im Ende finde ich es bemerkenswert, wenn ein Foto generell irgendetwas auslöst. Ist das gelungen, wird es ein gutes Foto gewesen sein.

Vielen Dank jedenfalls für die Anregung, die Geschichte mit den Geschichten mal präzise zu reflektieren!
Dirk Trampedach, 25.12.2021



Servus Dirk, da muss ich Dir recht geben. Das Gefühl beschleicht mich eigentlich auch hin und wieder, dass schon mal der Versucht gemacht wird, Fotos die eigentlich ohne der Absicht eine Geschichte zu erzählen oder zu haben fotografiert worden sind, mit einer Erzählung hinterher aufzuwerten. Der Wunsch, dass Fotos unbedingt Geschichten erzählen müssen, produziert hier doch hin wieder sicher eigenartige „Erzählungen“.

In Bildtiteln vor dem eigentlich Fotografieren zu denken ist auch ein interessanter Ansatz. Das was einem dabei durch den Kopf geht, beeinflusst mich Sicherheit die Wahrnehmung und auch das Endergebnis in kompositorischer und auch ausarbeitungstechnischer Hinsicht. Bildtitel beeinflussen mit Sicherheit auch die Wahrnehmung der Bildbetrachter. Da überrascht es mich nicht, dass sich dann die Assoziationen in den Köpfen der Betrachter mit Deinen eigenen gut decken. Wobei es mir bei manchen Bildtiteln, sogar bei meinen eigenen Bildtiteln oft so ergeht wie mit der hinterher aufgesetzten Geschichte für ein Bild. Ist irgendwie ganz nett, wirkt aber trotzdem aufgesetzt. Gute Bildtitel zu finden ist sicherlich auch eine kleine Kunst für sich.

In unserer Galerie merken wir auch einen Unterschied in der Bildbetrachtung bei Ausstellungen mit Bildtitel und bei ausgestellten Arbeiten, die keinen Titel tragen. Mir kommt oft vor, dass sich bei den Bildern ohne einer Betitelung mehr in den Köpfen der Betrachter tut. Auch beschäftigen sie sich meiner Beobachtung nach länger mit Bildern ohne Titeln. Aber das wird mit Sicherheit auch vom gezeigten Thema abhängen und auch nicht immer stimmen.

Die Geschichte, die ein Bild bei einem Betrachter auslöst ist an sich schon sehr oft interessant, auch wenn sie sich so gar nicht mit meinen eigenen Vorstellungen zu einer bestimmten Arbeit deckt.

Vielen Dank für Deine Response!
Herbert Koeppel, 26.12.2021



Vielleicht noch eine Ergänzung zu meiner Verwendung eines Titels. Ich benutze den Titel nie, um einem Bild unbedingt einen Namen zu geben, sondern eher, um mir das zu verdeutlichen, was ich sichtbar machen möchte. Das ist nicht zwanghaft, aber durchaus Ritual, und schärft mein Herangehen ungemein.

Beispiel zu ein- und derselben Situation: Der vorab gegebene Titel "Sportwagen vor Kapelle" sollte ein völlig anderes Foto entstehen lassen, als der Titel "Kapelle mit Sportwagen davor". Im Grunde mache ich mir halt vorab möglichst deutlich, was genau es ist, das meine Aufmerksamkeit anregt, und was ich (als Hauptmotiv/Bildaussage) eigentlich fotografiere.

Die möglicherweise daraus für den Betrachter resultierende Geschichte mag sich dann jeder für sich denken, sie kann durchaus sehr individuell ausfallen.
Dirk Trampedach, 26.12.2021



Ich dachte mir nicht, dass Du zwanghaft jedem Bild einen Titel geben möchtest !

Es ist, wie Du schreibst eine gute Methode herauszufinden, weshalb ein Motiv einem vor dem Fotografieren eigentlich anspricht. Was interessiert einem da? Dem vermeintlichen Motiv dann im Kopf einen Titel zu geben, klärt den eigenen Blick darauf ziemlich gut.

Eine Sache, die man einfach mal beim Fotografieren selbst ausprobieren kann.

Herbert Koeppel, 30.12.2021



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