Es ist keine Kunst, es ist einfach nur Photographie...

Freileitungen und deren Ästhetik

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Vor einigen Jahren hat sich das Selbstverständnis meiner eigenen Photographie sehr zu verändern begonnen. Schwarz/Weiss, das Quadrat als persönlicher Imperativ bei der Wahl des Bildformates und das Hinterfragen meiner eigenen photographischen Positionierung im Bezug auf die Naturfotografie hat mir viele spannende und neue Veränderungen bei meinen Motiven gebracht.

Nachdem ich meinem Standpunkt innerhalb und im Bezug auf die Naturfotografie ganz ordentlich beleuchtete und hinterfragte und mir dabei auch klar geworden war, warum ich eigentlich „digital“ photographiere, hat mir wie gesagt der Blick über den eigenen naturfotografischen Tellerrand neue Motivwelten ermöglicht.

Als Photograph, dessen Bilder hauptsächlich in unserer österreichischen Kultur- und agrarisch geprägten Landschaft entstehen, hatte ich bis zu einem gewissen Zeitpunkt immer mit dem Wunsch, die verschiedensten menschlichen Einflüsse in unserer Kulturlandschaft auf den Photographien auszublenden, zu kämpfen. Es sollten ja Landschaftsfotografien entstehen, die die Natur zeigen. Die den Eindruck von unberührter Natur beim Betrachter erzeugen sollten. Auch wenn in Wahrheit in einiger Entfernung eindeutige Hinweise auf den überall unübersehbaren menschlichen Einfluss zu erkennen wären. Das machte ja nichts, der Bildbetrachter merkte das ja nicht und wusste das ja auch nicht.

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Manche von Menschenhand geschaffene Dinge ließen sich durch einen anderen Standpunkt sozusagen aus dem Bild eliminieren. Manche nur unbefriedigend im Bezug auf das Endergebnis und manche störende Bildelemente konnte ich nur ignorieren, in dem ich auf das Bild einfach verzichtete. Diese bildlichen Störenfriede mit aufzunehmen und anschliessend durch eine mehr oder weniger aufwendige Bildretusche zu entfernen, dazu konnte ich mich - gefangen in ein oder zwei naturfotografischen Dogmen, dann doch früher nie durchringen.

Interessant ist ja auch der Gedanke, dass wir manche vermeintlichen Naturlandschaften in der Art und Weise nur erleben können, weil Menschen ihre Finger im Spiel hatten. Diese Landschaften dann idealisiert, photographisch darzustellen, daran hatte ich immer schon meine leisen Zweifel.

An irgendeinem Tag in den letzten Jahren, ich war gerade am Heimweg vom Fotografieren, machte es dann sprichwörtlich Klick beim Blick aus dem Wageninneren. Bestimmte vom Menschen geschaffene Bauwerke hatte ich immer versucht aus meiner Bildkomposition auszuklammern. Bei genauerer Betrachtung stellte sich aber für mich doch tatsächlich heraus, dass ich diese künstlichen Landschaftselemente eigentlich durchaus als ästhetisch empfand. Diese Möglichkeit bot sich aber erst, seit ich für mich meine Erfahrungswelt erweitert hatte und mir eben einen Blick über meine bisherige naturfotografische Motivwelt erlaubte. Das ging aber auch nicht von heute auf morgen, sondern musste auch noch etwas einwirken und in mir arbeiten.

Letztendlich bin ich für mich zu dem Entschluss gekommen, diese Elemente in der Landschaft nicht mehr als kompositorische Störenfriede zu betrachten, sondern deren verschiedene Formen auch im Zusammenspiel mit anderen Elementen, wie Bäumen oder größeren Teilen einer Landschaft zu versuchen in Bildern darzustellen. Diese von mir bis dato eigentlich als unfotogen eingestuften Bauwerke, sollten nun in den Mittelpunkt gerückt werden. In Zukunft wollte ich diese Elemente nicht mehr versuchen auszublenden, sondern ganz bewusst zu nutzen und in die Bildkomposition einarbeiten.

Daraus entstand für mich eine neue Serie, eine immer noch andauernde Bildersammlung - die Ästhetik der Freileitung.

Bei meinen Recherchen zum Thema der Freileitung, kam ich natürlich nicht umhin um über die Konflikte in Salzburg und in meinem Bundesland Oberösterreich, zwischen den Befürwortern der Freileitungen und der Erdkabel-Fraktion, zu lesen und zu erfahren. Über das Entsetzen der Erdkabel-Fraktion darüber, dass jemand in Freileitungen und deren dazugehörigen Bauwerken eine Ästhetik finden kann, bin ich mir vollkommen bewusst.

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Doch weder eine Befürwortung der einen Gruppe, noch der anderen Gruppe liegt in meinem Interesse. Meine photographischen Arbeiten aus der Serie „Die Ästhetik der Freileitung“ brechen keine Lanze, für keine der beiden Fraktionen. Liest man die verschiedenen Artikel zu diesen Thema, so komme ich zumindest zu dem Schluss, dass die Argumentationen beider Gruppen ihre Berechtigungen haben. Doch, dass ist ein Diskurs, dem möchte ich mich gar nicht anschliessen. Denn auch wenn die Erdkabel-Fraktion sich endgültig Gehör verschaffen sollte, so denke ich, finde ich auf Lebenszeit noch genug Freileitungen für meine Photographie.

Die Bedeutung der von mir, für mich entdeckten Ästhetik der Freileitung liegt darin, dass ich es für mich geschafft habe einen vollkommen anderen Blick auf früher total störende Elemente zu finden. Es hat schon etwas Überwindung gekostet, mal keine idealisierte Landschaft zu photographieren und damit Unberührtheit zu suggerieren, wo gar keine war. Die Masten, die Leitungen egal ob das nun Stromleitungen, Telefonleitungen oder andere Leitungen sind, sie sind nun mal ein Teil unserer Kulturlandschaft und sie immer noch auszublenden, nachdem ich darin für mich eine gewisse Schönheit gefunden hatte, fühlte sich nicht mehr richtig an.

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Ist es mir wichtig, dass diese Studien auch anderen Menschen gefallen? Nein, überhaupt nicht. Kaufen wird die Bilder auch keiner, so werden sich manche nun denken. Mag sein, aber dass ist auch nicht mein vorrangigstes Ziel bei der Beschäftigung mit der Ästhetik der Freileitung. Diese Serie ist für mich persönlich ein Beispiel dafür, dass man auch nervigen Dingen gegenüber eine durchaus positive Einstellung entwickeln kann. Allerdings muss man sich dann darauf auch zumindest einmal einlassen um zu sehen, wie denn das Endergebnis davon aussehen könnte.

In diesem Sinne, Euer Herbert


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