Alte Fotografien erweitern durchaus den Horizont

27.08.2026 | Herbert Koeppel (Text), Alois Meraner (Fotografien)


Habe ich es schon mal gesagt oder geschrieben, wahrscheinlich sogar beides? Aber seit einiger Zeit ist mir bewusst geworden, dass ich mit alten Fotografien in der Regel mehr anfangen kann als mit vielem, was heute als moderne, zeitgenössische Fotografie bezeichnet wird. Vielleicht liegt es am eigenen Alter, eventuell ist es nur meine Passion für das SF-Thema „Zeitreise“ oder einfach nur die Tatsache, dass mich Geschichte beinahe schon immer interessiert hat. Aber alte Fotografien, angefangen bei Glasnegativen bis hin zu Negativ- und Farbdias, üben eine große Faszination auf mich aus.


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Glasplatten-Negativ
Touristen als Bergleute, Glück-Auf, Partie: 2 / Juni, 28, Salzbergwerk – Hallstadt, Alois Meraner Fotograf, Salzberg 1035m Seehöhe / Kat. Nr. H2026.239


Zeitgenössische Fotografie schafft das nur selten bei mir. Damit meine ich die fotografische Praxis der letzten 50 Jahre. Die Serie statt des Einzelbilds, das Konzept statt des reinen Dokuments, die verschwimmenden Genregrenzen, gegen diese Entwicklungen habe ich nichts, ganz im Gegenteil, ich befürworte sie in der eigenen fotografischen Arbeit.

Nur habe ich bei vielen Präsentationen das Gefühl, dass das Konzept erst nachträglich „aufgezäumt“ wurde und am Gezeigten vorbeizielt. Auch ich beginne meine langfristigen Projekte mit einer Grundmotivation. Ihre eigentliche Bedeutung entsteht oft aber erst im Zusammenspiel der Bilder, während der Arbeit daran. Am Anfang steht Interesse, dann die ersten Fotografien und erst etwas später, aber lange vor dem Ende des Projekts, ein Konzept, unter dessen Licht das Ergebnis dann steht.

Die ganz moderne, digitale Fotografie, gerade in der Natur- und Landschaftsfotografie, die ja eben auch ein Teilgebiet der modernen Fotografie ist, versinkt für mich oft im lollipopfarbenen Licht des Kitschs der Sonnenauf- und -untergänge. Damit hatte ich in der Fotografie auch begonnen, doch da wächst man mit den Jahren dann doch einfach heraus.

Um es kurz zu machen! Alte Fotografien sind für mich einfach in allen Belangen interessanter. Negative aller Art finde ich dabei besonders spannend, denn obwohl man beim Blick darauf ahnt, was zu sehen sein wird, ist der Moment, in dem die Tonwerte in der Nachbearbeitung „umgekehrt“ werden, immer ganz besonders. Denn dabei öffnet sich eine Art Zeitfenster, das auf Licht basiert und für mich dann die Möglichkeit schafft, einen Blick auf Vergangenes zu werfen.


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Glasplatten-Negativ als Positiv
Touristen als Bergleute, Glück-Auf, Partie: 2 / Juni, 28, Salzbergwerk – Hallstadt, Alois Meraner Fotograf, Salzberg 1035m Seehöhe / Kat. Nr. H2026.239


Es ist noch nicht lange her, da konnte ich meine Sammlung wieder durch alte, aus dem Jahr 1937 stammende 9×12 cm Trocken-Glasplattennegative erweitern.

Vor gut 8 Monaten stolperte ich ja zum ersten Mal über ein recht großes Konvolut an Glasplattennegativen. Gelatine-Trockenplatten waren von den 1870er-Jahren bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in Verwendung, wie eben auch die obigen Glasplatten aus 1937. Der parallel dazu aufkommende Rollfilm bereitete der durchaus gewichtigen Nutzung von Glasplatten in der Fotografie langsam ein Ende.

Durch die Beschäftigung damit konnte ich wieder feststellen, dass alte Fotografien durchaus dazu beitragen, den eigenen Horizont zu erweitern. Es bleibt dabei nicht aus, dass man sich mit fototechnischen und auch Motivthemen beschäftigt, die man selbst nie genutzt und bearbeitet hätte.

Es war durchaus eine Überraschung für mich, Negative auf Glasplatten aus den späten 1930er-Jahren zu finden. Was darauf zu sehen war, sorgte bei mir für weitere Überraschung. Bei der ersten Durchsicht der Platten dachte ich noch, es handelt sich um Bergwerksfotografie, und im gewissen Sinne stimmte das dann ja auch.

Womit ich nicht rechnete, dass es sich eigentlich um Fotografien von Touristen als Bergleute in Hallstatt in Oberösterreich handelte. Die Personen tragen zwar die typische weiße Bergmanns-/Schutzkleidung und Bergmannsmützen, aber das Foto entstand im Zusammenhang mit dem damals noch jungen Schaubergwerksbetrieb. Die weitere Recherche ergab dann, dass 1926 in Hallstatt erstmals ein offizieller Schaubergwerksbetrieb eingerichtet wurde. Eine Strecke des Katharina-Theresia-Stollens wurde dafür für Besucher geöffnet, und im ersten Jahr schauten sich etwas mehr als 6.600 Besucher:innen das Schaubergwerk an.


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Glasplatten-Negativ als Fenster zu Vergangenem
Touristen als Bergleute, Glück-Auf, Partie: 2 / Juni, 28, Salzbergwerk – Hallstadt, Alois Meraner Fotograf, Salzberg 1035m Seehöhe / Kat. Nr. H2026.239


Das macht die Trocken-Glasplatten-Negative und die Photo/FineArt-Prints, die ich davon gemacht habe, auch kulturgeschichtlich interessant. Irgendwie sind das fotografische Dokumente des frühen Beginns des touristisch genutzten Salzbergwerks in Hallstatt.

An dem Fund ist auch die auf einigen Bildern noch verwendete Schreibweise „Hallstadt“ interessant. Haben wir doch alle im Geschichtsunterricht von der „Hallstätter Kultur“ gelernt, und auch der offizielle Name der heute sehr oft dem überbordenden Massentourismus ausgesetzten Stadt lautet „Hallstatt“. Der Fotograf Alois Meraner, der diese Glasplatten damals belichtete, hatte aber für die Beschriftung der Schilder, die er zusammen mit den Bergwerksbesucher:innen abbildete, die im 19. Jahrhundert immer mal auftauchende Schreibweise „Hallstadt“ gewählt.

Weiters spannend ist die Bezeichnung des Stollens, vor dem die touristischen Bergleute für die Fotografien platziert worden waren. Er trägt die Bezeichnung „Kaiserin Kathar.(ina) Theresia-Stollen“. Doch ich denke, eine Kaiserin Katharina Theresia hat es bei den Habsburgern eigentlich nicht gegeben. Die Auflösung fand ich schließlich in einer alten Quelle. Hofrat H. Commenda führt 1928 in seiner Übersicht über die Salzlagerstätten Oberösterreichs sämtliche elf Stollen des Hallstätter Salzbergs auf, von oben nach unten. Und tatsächlich, an fünfter Stelle steht dort der „Kaiser Kath. Theres.-Stollen“, erbaut 1675. Interessant dabei ist: Nur zwei Stollen tiefer liegt der „Kaiserin Maria Theresia-Stollen“ von 1782. Zwei fast gleichlautende Namen im selben Berg, wenn das mal nicht irgendwann zu Verwechslungen geführt hat?

Zum Fotografen, der die Glasplattennegative aufgenommen hatte, Alois Meraner, der ja ganz eindeutig namentlich auf einigen der Glasplattennegative genannt wird, habe ich bis auf weitere, ähnliche Szenen auf Postkarten und Papierbildern im Netz leider bei meiner Recherche noch nichts gefunden.


Diese Photo/FineArt Prints der Hallstätter Glasplattennegative sind übrigens am kommenden Wochenende (28.8. - 30.8.26) auf der Vintage+Reprint | Photofair Linz in der Tummelplatz Galerie zu sehen.







Herbert Koeppel
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