10.04.2026 | Herbert Koeppel (Text) / Bild: Artphoto Club Linz
Es gibt Wörter, die so oft verwendet werden, dass sie aufgehört haben, etwas zu bedeuten. Abstrakt ist eines davon.
Demnächst werde ich die neue Ausstellung des Linzer Artphoto Club besuchen. Die gezeigten Bilder kenne ich nicht. Nur den Text zur Ausstellung.
Der ist sachkundig, chronologisch sauber, die kanonischen Namen an den richtigen Stellen. Coburn¹, Moholy-Nagy², Siskind³, Steinert⁴, Tillmans⁵, Ruff⁶. Der Text tut das, was solche Texte oft tun. Er legitimiert, ordnet ein, beruhigt und weicht der eigentlichen Frage aus.
Denn Abstraktion bedeutet im Text zur Ausstellung Reduktion, Transformation, Verfremdung. Ein Bild muss das Motiv nicht wirklich loslassen. Es reicht, wenn es auf Abstand geht. Das ist eine Definition, die fast nichts ausschließt. Und eine Definition, die fast nichts ausschließt, schließt eigentlich nichts aus.
Meine Grenze liegt woanders. Eine Fotografie ist abstrakt, wenn ich keine Zuordnung zu irgendetwas machen kann. Nicht nur ungewohnt nah. Nicht nur unscharf bis zur Ahnung. Sondern schlicht keine Zuordnung möglich und das egal wie lange ich ein Bild anschaue.
Das ist unbequem streng. Es bedeutet, dass vieles, was als abstrakt gilt, es schlicht nicht ist. Vielleicht irre ich mich. Die Kunstgeschichte hat gute Gründe, Abstraktion als Spektrum zu behandeln. Als einen Weg, nicht als eine Schwelle. Aber ein Begriff, der alles einschließt, hilft mir vor einem Bild nicht weiter.
Mit diesem Wissen gehe ich in die Ausstellung. Den Text habe ich dazu vorab gelesen, die Bilder noch nicht gesehen.
Die interessante Frage dabei ist nicht, ob die Bilder schön sind. Sondern wie viele von ihnen die Behauptung ihres eigenen Etiketts aushalten.
Was diese sechs, im Ausstellungstext erwähnten Namen verbindet, ist weniger als es scheint. Sie haben alle, auf ihre Art das Motiv in Frage gestellt. Das ist die gemeinsame Geste. Aber die Frage, die sie dabei stellten, war jedes Mal eine andere.
Coburn und Moholy-Nagy fragten: Was passiert, wenn wir das Medium selbst zum Thema machen. Licht, Struktur, physikalische Spur?
Siskind fragte: Wie nah muss ich ans Motiv heran, bis es verschwindet?
Steinert fragte: Darf Fotografie mehr sein als Dokument?
Tillmans und Ruff schließlich fragen: Was ist ein fotografisches Bild überhaupt und warum glauben wir, was wir sehen?
Das ist keine Entwicklungslinie. Es ist eine Folge von Neuanfängen. Und genau das macht die Ausstellung interessant und schwierig. Denn wenn so unterschiedliche Haltungen unter demselben Wort versammelt werden, sagt das Wort am Ende wenig.
Die eigentliche Frage beim Besuch der Ausstellung bleibt für mich dieselbe. Welche dieser Bilder brauchen das Etikett und welche stehen ohne es?
¹Alvin Langdon Coburn (1882–1966), amerikanisch-britischer Fotograf, gilt als einer der ersten, der Fotografie bewusst in Richtung Abstraktion trieb. Seine Vortographs (1917) aufgenommen durch ein Prismengerät aus Spiegeln, zersplittern das Motiv geometrisch bis zur Unkenntlichkeit.
²László Moholy-Nagy (1895–1946), ungarischer Künstler und Bauhaus-Lehrer, betrachtete Licht als eigentliches Material der Fotografie. Seine Fotogramme entstehen ohne Kamera. Objekte direkt auf lichtempfindlichem Papier. Das Ergebnis ist eine physikalische Spur, kein Abbild.
³Aaron Siskind (1903–1991), amerikanischer Fotograf, isolierte Oberflächenstrukturen wie abgeblätterte Farbe, Risse, Mauerreste so radikal, dass die Bilder an gestische abstrakte Malerei erinnern. Mit den New Yorker Abstract Expressionisten war er persönlich verbunden.
⁴Otto Steinert (1915–1978), deutscher Fotograf und Lehrer, prägte den Begriff der Subjektiven Fotografie — eine Bewegung für die künstlerische Eigenständigkeit des Mediums, auch als Reaktion auf Nationalsozialismus und Nachkriegsnüchternheit. Nicht zwingend abstrakt, aber konsequent anti-dokumentarisch.
⁵Wolfgang Tillmans (*1968), deutscher Künstler, arbeitet mit einem extrem breiten Spektrum. Von dokumentarischer Reportage bis zu kameralosen Laborarbeiten (Blushes, Freischwimmer), die durch direktes Licht auf Fotopapier entstehen. Abstraktion ist bei ihm eine von vielen Strategien, keine Grundhaltung.
⁶Thomas Ruff (*1958), deutscher Fotograf, befragt systematisch, was ein fotografisches Bild überhaupt ist. Er vergrößert Digitalbilder bis zum Pixel, arbeitet mit gefundenen Pressefotos, generierten Bildern, Stereofotografien. Abstraktion als analytisches Werkzeug, nicht als Ästhetik.
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