Philips G7200 Videopac
retro/vintage Computing

02.06.2026 | Herbert Koeppel (Text) / Bild: Wikipedia


Philips G7200 Videopac / Quelle: Wikipedia

Philips G7200 Videopac / Quelle: Wikipedia

In der Ausgabe #64 meines Newsletters stand am Anfang ein kurzer Text, der für Fotografie-Abonnenten vermutlich etwas rätselhaft wirkte. Er handelte nicht von Prints, Workshops oder der Tummelplatz Galerie. Er handelte vom Commodore 64.

Der Text lautete:
Für Menschen meiner Generation hat die Zahl 64 eine besondere Bedeutung – zumindest für jene, die in den Achtzigern zu den Computer-Nerds gehörten. 64 Kilobyte. Der Arbeitsspeicher des Commodore 64. Genug, um Welten entstehen zu lassen. Der knappe Speicher erzwang Präzision. Jede Zeile Code musste sitzen. Nichts durfte verschwendet werden. 64 Kilobyte – das war der Rahmen, innerhalb dessen Programme entstanden, die noch heute beeindrucken.

Es ist merkwürdig, wie viel eine einzige Zahl auf einmal sein kann. Ich habe einige Jahre in einem Wiener Gemeindebau mit der Hausnummer 64 gewohnt, war jahrelang mit der Buslinie 64A und der Straßenbahnlinie 64 unterwegs und all diese 64er waren gleichzeitig in meinem Leben präsent, dazu dann auch noch tatsächlich ein Commodore 64. Und dennoch, die 64 gehört für mich zuerst dem Commodore.

Newsletter #64 war so gesehen nicht nur eine Ausgabe. Er war ein Anlass, mich wieder mit meiner nerdigen Computervergangenheit auseinanderzusetzen. Mit dem 8-Bit- und 16-Bit-Leben, das irgendwann mit dem Kauf eines Apple Performa 5200 endete. Bis dahin hatte ich in den eigenen vier Wänden noch mit einem Amiga 500 gearbeitet, einem klassischen Vertreter jener Gerätekategorie, die man damals Heimcomputer nannte. Einen Begriff, den heute wohl niemand mehr für die ausschließlich private Nutzung eines Computers verwenden würde.


Der erste Computer

Wann genau das Ganze mit den Computern begonnen hat, liegt bei mir irgendwie im Dunkeln. Tatsache ist: Mein erster Computer war ein Philips G7200 Videopac. Wann und vor allem wo ich ihn gekauft hatte, ich war damals zwölf Jahre alt, weiß ich heute schlicht nicht mehr.

Als Erinnerung geblieben sind mir die Stunden, die ich auf dem Ding gespielt habe, während ich bei einer Großmutter im Wohnzimmer saß. Die verschiedenen Spiele piepten und pfiffen beim Spielen. Meine Großmutter meinte dazu immer, das sei eine sehr angenehme Geräuschkulisse und dass sie dabei bestens am Nachmittag, nach dem Mittagessen, ein Schläfchen machen könne.

Die verwendete Technik im G7200 sagt heutigen Computer-Nutzern eigentlich so gut wie nichts mehr. Technisch war er nichts anderes als sein Vorgänger, der G7000 von 1978, den ich selbst nie benutzt hatte, mit einer einzigen, aber entscheidenden Ausnahme: einem eingebauten 9-Zoll-Schwarzweißmonitor. Damit konnte ich auf dem Wohnzimmertisch meiner Großmutter spielen, und in gewissem Sinne war das Ding sogar transportabel, obwohl es mit bis zu 8 kg alles andere als ein Leichtgewicht war.

Das Innenleben stammte unverändert aus dem G7000: ein Intel-8048H-Mikrocontroller, 8-Bit-Architektur, 64 Byte Arbeitsspeicher plus weitere 128 Byte RAM über einen separaten Baustein, dazu 1.024 Byte ROM. Die Grafik übernahm ein Intel 8245 bei einer Auflösung von sagenhaften 160×200 Punkten und acht möglichen Farben, wobei der eingebaute Monitor freilich nur Schwarzweiß zeigte. Gespielt wurde ausschließlich über Steckmodule, kompatibel mit allen 43 damals erhältlichen Videopac-Spielen des Vorgängers. Das Gehäuse hatte Philips kurzerhand vom französischen Minitel-1A-Terminal geborgt. 1983 war das alles längst überholt. Die Technik war fünf Jahre alt, der Markt hatte sich weiterentwickelt. Doch ich hatte noch viel Spaß damit.

Beinahe hätte der G7200 ein frühes Ende gefunden. Denn irgendwann wurde meine Neugier, wie es da drinnen wohl aussehen mochte, größer als meine Vernunft und ich schraubte das Ding auseinander. Aus heutiger Sicht bin ich ehrlich gesagt erstaunt, dass ich ihn wieder zusammengebaut bekam. Und dass er danach noch funktionierte.

Der G7200 war, das muss man klar sagen, ein reiner Spielcomputer. Zum Programmieren war er nicht gedacht. Das Thema Programmieren sollte erst mit dem nächsten Computer in mein Leben treten.


Nostalgie und Vergnügen

Stellt sich vielleicht noch eine Frage: Warum beschäftigt man sich überhaupt damit, oder wieder damit?

Nostalgie ist, besonders wenn man älter wird, keine triviale Sache. Wer in den 1980ern aufgewachsen ist, verbindet mit diesen Maschinen nicht einfach Technik, sondern einen bestimmten Lebensabschnitt. Für mich war die Beschäftigung mit Computern ab einem gewissen Punkt mehr als ein Hobby. Sie war ein Bereich, in dem ich merkte: Ich bin gut darin. In einer Zeit, in der man als jemand, der sich mit Computern beschäftigte, durchaus ein Sonderling war, lag darin auch so etwas wie eine stille Besonderheit. Zumindest empfand ich es damals so.

Es hat meinen Ausbildungsweg geprägt, meine ersten Berufsjahre als Programmierer und danach als Operator im selben Betrieb.

Zur Heimcomputer-Ära gehörte allerdings noch etwas anderes, etwas, das man im Rückblick durchaus mit Schmunzeln betrachtet: die Lagermentalität. Die Welt der Heimcomputer war damals grob in zwei Welten geteilt. Auf der einen Seite die Maschinen mit Intel-Prozessoren, aus der später die IBM-kompatiblen PCs hervorgingen, die sich aus der Geschäftswelt langsam auch in die Wohnzimmer vorarbeiteten. Pragmatisch, kompatibel und für viele von uns damals irgendwie... seelenlos.

Auf der anderen Seite die Welt der MOS- und Motorola-Prozessoren: der MOS 6502 im C64 und Atari, der Motorola 68000 im Amiga und Atari ST. Das war das Lager, in dem die Dinge persönlicher wurden. Der Rechner war keine Infrastruktur, er war Identität. Ohne dem allzuviel Bedeutung zu beizumessen, war ich mit dem G7200 ja auch im Lager „seelnlos“, dann in der Z80-Fraktion und anschliessend bei Geräten mit den Prozessoren von MOS und Motorola, also im Amiga-Lager. Und die Grenzen zwischen diesen Lagern waren, gelinde gesagt, nicht durchlässig. Der Amiga gegen den Atari ST war wohl der leidenschaftlichste aller Stellungskriege in Computerläden und später in den frühesten Ecken des Internets. Wer einen Amiga hatte, wusste, dass er das bessere Gerät besitzt. Wer einen Atari ST hatte, wusste dasselbe. Beide hatten auf ihre Weise recht und keiner wollte das hören.

Den Abschluss dieser persönlichen Reise durch die Heimcomputer-Ära bildete dann die Apple-Welt, eine Welt, die von Beginn an eine eigene Logik verfolgte. Teurer, gestalterisch kompromissloser, und mit einer Nutzergemeinde, die das Lagerdenken auf eine ganz neue Ebene hob. Aber das ist eine andere Geschichte.

Heute, wenn man einen Blick auf moderne Rechner-Architekturen, Betriebssysteme und Software wirft, begegnet einem eine Komplexität, die es damals schlicht nicht gab. Die 8-Bit- und 16-Bit-Computer der Achtziger boten einem einzelnen Menschen noch die Möglichkeit, alles zu verstehen, von der Hardware bis zum Betriebssystem. Ich denke mir oft: Wer heute verstehen möchte, wie Computer wirklich funktionieren, täte sich mit diesen alten Geräten als Einstieg deutlich leichter.

Der Unterschied zu heute ist gewaltig und das nicht nur in Sachen Rechenleistung. Das Internet, also der Zugang dazu, existierte auf vielen dieser Geräte schlichtweg nicht. Selbst mit meinem Amiga 500 war ich noch fast vollständig offline. Der richtige erste Schritt ins Netz von zuhause aus gelang mir erst mit dem Apple Performa 5200.

Aus fotografischer Sicht sehe ich eine direkte Verbindung. In meiner bald dreißigjährigen Beschäftigung mit Fotografie habe ich gelernt, Einschränkungen nicht als Mangel zu betrachten, sondern als kreative Erweiterung. Die alten Heimcomputer lebten dasselbe Prinzip, nur in einer anderen Sprache. Arbeitsspeicher wurde in Kilobyte gemessen, Festplattenkapazitäten in Megabyte. Was heute nach Armut klingt, war damals der Rahmen, innerhalb dessen man als Programmierer findige, elegante Lösungen entwickeln musste. Beschränkung als Schule des Denkens.

Und so ist Retro- und Vintage-Computing heute auch als Gegenbewegung zu verstehe, ähnlich der wieder auflebenden analogen Fotografie. Damals gab es keine Software-Abonnements, keine Cloud-Abhängigkeiten. In einer Zeit, in der Software zunehmend als Dienst vermietet wird, hat die Rückkehr zu Maschinen, die einem einfach gehören, fast schon eine politische Dimension.

Es ist gleichzeitig auchpersönliche Denkmalpflege. Und natürlich Vergnügen. Retro- und Vintage-Computing hat viele Gesichter.

Mehr dazu im nächsten Beitrag, über den Computer, der auf den G7200 folgte und mir, jenseits der Videospiele des G7200, eine völlig neue Möglichkeit zur kreativen Auseinandersetzung mit Technik zeigte: das Programmieren.







Herbert Koeppel
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