Spuren hinterlassen. Und trotzdem weg.
Wienfluss.Erinnerungen Teil 12

12.03.2026 | Herbert Koeppel (Text)


Zwei Monate. Fast exakt.

Zwei Monate. Fast exakt. So lang ist es her, dass ich zuletzt am Wienfluss war. Für manche ist das nichts. Für manche ist das eine Ewigkeit, vor allem wenn man erst nach dieser Zeit nach den Bildern schaut und gleichzeitig, wenn man es sich recht überlegt, eigentlich eh nix.

Diesmal war ich nicht allein dort. Christian war dabei. Ein Wiener Amateurfotograf, der eigentlich schon so lang Mödlinger ist, dass man sich fragt, warum er sich überhaupt noch Wiener nennt. Wir waren einfach so unterwegs. Kein Workshop, keine Agenda, kein Lernziel. Einfach zwei Männer mit Kameras im Schnee. Ja, Schnee. In Wien. Heuer tatsächlich.


Klebeband statt Leica.

Ich fotografiere am Wienfluss meistens mit einer Nikon D800, alten Objektiven und einem Display, das ich mit schwarzem Klebeband zugeklebt habe. Wer jetzt denkt, das sei eine seltsame Macke – der hat recht. Aber es ist meine seltsame Macke, und das ist der entscheidende Unterschied. Die Ergebnisse sind nichts für Pixel-Pornographen. Für alle anderen: durchaus interessant.

Das bringt mich zu Friedhelm. Fotograf aus Kärnten, irgendwann von Nikon auf Leica umgestiegen. Ich habe ihn gefragt, wie denn die Leica-Bilder nun so seien. Seine Antwort war sinngemäß: Er könne das gar nicht sagen, weil er mit den Daten hinterher so viel macht, dass man beim fertigen Bild ohnehin nicht mehr erkennt, dass das Licht durch eine Leica-Optik gefallen ist.

Auch interessant, oder?

Aufs Endergebnis kommt es an. Nicht auf den Weg. Nicht auf die Kamera. Nicht auf die Meinung anderer. Das ist keine revolutionäre Erkenntnis, aber eine, die man offenbar immer wieder neu lernen muss.

Und warum das zugeklebte Display? Weil eine Leica M11-D zwar auch kein Display hat , dafür aber € 9.350,– kostet. Das ist ein Unterschied, der meinen Kontostand und den Preis für dieses Ding sehr deutlich macht. Also Klebeband. Funktioniert erstaunlich gut. Und irgendwie erinnert mich das an die Minolta RD-175. Meine zweite Digitalkamera, die auch kein Display hatte. Damals war das Normalzustand. Heute ist es eine Designentscheidung. Für € 9.350,–.


Der Wienfluss erinnert sich. Ich auch.

Ohne Display – ob zugeklebt oder ab Werk – beschäftigt man sich mehr mit dem, was vor der Kamera ist. Weniger mit dem, was dahinter passiert. Das ist am Wienfluss besonders wichtig. Weil der Wienfluss für mich ohnehin schon voller Erinnerungen ist, bevor ich auch nur einmal auf den Auslöser drücke

Da ist der Turm. Der Stiegenaufgang. Die Brücke, der man die Holzplanken entfernt hat – sie ist seit meinem letzten Besuch immer noch keine richtige Brücke. Rauf, runter, rauf, runter – diese Stiegen bin ich als Kind gegangen. Damals hing unten kein Schloss an der eisernen Tür. Heute schon.


Fotografien sind Erinnerungen. Nicht nur weil man sie – so wie ich – zwei Monate in der digitalen Kühlbox lagern kann, ohne nervös zu werden. Sondern weil im Moment des Auslösens bereits etwas konserviert wird, fixiert, eingefroren. Ab diesem Moment ist es Vergangenheit. Am Wienfluss passiert das bei mir schneller als anderswo.


Die Lampe. Und Helga.

Weiter oben, dort wo der Mauerbach in den Wienfluss rinnt – oder besser gesagt: wo der Wienfluss plötzlich mehr Mauerbach als Wienfluss ist , steht eine alte Laterne. Vier Leuchten. Zugegeben, manchmal erinnern sie mich an die Dinger aus „Krieg der Welten“. Ein Film, den Helga übrigens meist nicht aushält. Nur so nebenbei.

Kaum ein Besuch am Wienfluss vergeht, ohne dass ich diese Lampe fotografiere. Sie hat etwas. Was genau – ich könnte es nicht erklären. Aber ihr Lichtkegel leuchtet für mich auch am hellichsten Tag in eine Richtung, die auf keiner Karte eingezeichnet ist.

In meine Kindheit.


Der Dinosauriarkäfig.

Dann gibt es noch den „Dinosaurierkäfig“. Der Name war übrigens nicht meine Idee . Wer wissen will, wessen, der möge an anderer Stelle in den Wienfluss.Erinnerungen nachlesen.


Nahezu immer, wenn ich dort stehe und an diesen alten Metall-Dingern hochschaue, versuche ich mir vorzustellen, wie viel Wasser hier schon durchgerauscht ist. Wie viel Gewalt. Wie viele Hochwässer, die niemand mehr kennt. Dass diese Rechen – zum Teil beinahe noch im Originalzustand, so scheint es mir zumindest hier immer noch stehen, ist mir bei fast jedem Besuch eine weitere Belichtung wert.

Manche Dinge hält man fest, weil sie schön sind. Manche, weil man die Befürchtung hat, dass sie irgendwann nicht mehr da sind.


Zeit. In Schichten.

Wie viele schon wissen, sind die Wienfluss.Erinnerungen für mich Zeitreisen ohne Maschine. Das wird mir bei keinem anderen Motiv so bewusst wie bei diesem Schild. Dabei geht mir immer derselbe Gedanke durch den Kopf: Zeit muss irgendwie mehr sein als nur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Interessant dabei ist, dass wir alle drei Zustände tatsächlich spüren können. Die Gegenwart ist einfach – das ist jetzt. So wie gerade, während meine Finger versuchen, diesen Text im Zehnfingersystem zu schreiben. Es geht ganz gut. Meine Schreibmaschinen-Lehrerin in der EDV-Schule hätte das vermutlich anders gesehen – sie meinte, sie hätte an mir versagt. Ich sehe das heute differenzierter.

Die Vergangenheit erfühlen wir auch ganz gut. Da bedauern wir so manches – und Bedauern ist ja auch irgendwie ein Gefühl.

Die Zukunft fühlen viele besonders intensiv. Meist ist es Angst vor irgendetwas.

Durch meine Beschäftigung mit der Zeit – vor allem mit meiner Zeit am Wienfluss glaube ich: Vergangenheit liegt in Schichten über den Dingen. Sie trägt sich auf die Welt auf wie eine Vielfachbelichtung auf analogem Film. Irgendwie ist nicht mehr alles da. Aber irgendwie dann doch.


Abgehoben. Spuren im Schnee.

Von der kurzen Tour mit Christian sind 13 Bilder übriggeblieben. Neun davon waren hier zu sehen. Die anderen vier dürfen zurück in die digitale Kühlbox. Noch nicht ihre Zeit.

Auf beiden letzten Bildern sind Spuren zu sehen. Einmal die von Donald, Daisy, Dagobert oder den drei kleinen Tick, Trick und Track – zumindest stelle ich mir das so vor. Acht Schritte einer Ente im Schnee. Und dann? Abgehoben, vermutlich.


Auf dem anderen Bild sieht man mich. Nein – meine Spuren. Und dann bin auch ich abgehoben. So wie Superman. Wer das nicht glaubt? Mir egal. Schließlich hat jeder von uns eine Geheimidentität.
Oder?


PS: Wer bis hierher gelesen hat und bemerkt hat, dass der erste Teil dieses Textes verdächtig viel mit Fototechnik zu tun hatte – ja, das war Absicht. Nicht weil mich Fototechnik so brennend interessiert. Sondern weil ich weiß, dass sie euch interessiert.




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